Italien lieben, um deutsch zu sein

Ein Buch von Golo Maurer, Kunsthistoriker und Direktor der Bibliotheca Hertziana in Rom, klärt ein Paradoxon der deutschen nationalen Identität nach Goethe auf.
GIOVANNI SAMPAOLO
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Deutsche Erinnerungsorte: So heißt ein kulturwissenschaftliches Panoramawerk in drei voluminösen Bänden, das im Jahre 2001 erschien, als das vor Kurzem wiedervereinigte Deutschland nach seiner Selbstdefinition suchte. Der erste, vorgestellte deutsche Ort in diesem Mammutwerk ist Rom. Rom am Anfang dieses großen Versuchs einer deutschen Selbstbestimmung. Der Historiker Arnold Esch erklärte dazu: “Daß im kollektiven Gedächtnis der Deutschen die bloße Nennung Roms, des Ewigen Rom, neben Bildungswissen auch Emotionen wecke, ist immer schon wahrgenommen worden”.

Bekanntlich wurde zu diesen Emotionen nach Goethes Italienischer Reise schon einiges geschrieben. Was an Golo Maurers Buch Heimreisen aber ganz besonders besticht, ist die Tatsache, dass er endlich nach einer umfassenden historischen Erklärung für diese kollektive, deutsche Faszination sucht. Seine Untersuchung ist eine Spurensuche anhand unzähliger Dokumente bekannter und weniger bekannter Intellektueller aus den letzten drei Jahrhunderten. Daraus ist ein Buch voller Gestalten und fesselnder Geschichten entstanden – mit vielen, manchmal geradezu ergreifenden Porträts, etwa bei Figuren wie Rudolf Borchardt oder Ludwig Pollack.

Der Autor erscheint also gleichzeitig als Detektiv und Krimierzähler. Was soll die deutsche Italienliebe? Golo Maurer kann nicht nur glänzend erzählen, er ist ein Meister des fulminanten Sarkasmus. Selten regt ein derart gelehrtes Buch so oft zum Lachen an. Doch entspringt Maurers beißende Ironie selbst einem streng kritisch argumentierenden Denken.

Den ersten, großen Schritt dieser Argumentation bildet eine gut 300 Seiten umfassende biografische Darstellung Johann Wolfgang Goethes, perspektivisch orientiert auf dessen italienische(n) Reise(n). An Goethe wird hier scharfsichtig das Menschliche, Allzumenschliche beobachtet mit Hilfe zahlreicher, weniger bekannter Zeugnisse und mit einer beneidenswerten ikonoklastischen Ungeniertheit, freilich ohne Goethes Dichtung im mindesten anzutasten. Allein Goethes Doppelbegabung als Dichterfürst und Maler, die gerade in Italien ihren Höhepunkt feierte, wird vom Kunsthistoriker Maurer sozusagen zur Anderthalbbegabung herabgestuft.

Dieser erste Teil ist etwas mehr als eine Goethe-Monographie: Denn darin gibt es keine einzige Zeile, aus der keine Fäden gesponnen werden, die sich durch das ganze Buch ziehen werden. Es geht um Seelisches und zugleich um Gesellschaftliches. Maurer hebt hervor, dass der Goethe, der nach Italien kam, schon seit Jahren ein frustrierter bürgerlicher Beamte war, der aus Deutschland regelrecht flüchten musste, um sich anderswo von Grund auf zu regenerieren. Goethe selbst spricht in einem Brief aus Rom an den Herzog Carl August von Weimar von “phisisch [sic] moralischen Übeln […] die mich in Deutschland quälten und mich zuletzt unbrauchbar machten”.

Es handelt sich um eine andauerde Midlife Crisis, die Reise ist eine therapeutische Reise, so betont Golo Maurer. Und das Therapeutische daran besteht in der Entdeckung und Aneignung einer neuen Heimat, ja der eigentlichen Heimat. Es ist die Flucht in die Geborgenheit einer alternativen “Gegenwelt”. Diese Wahlheimat, in der Goethe sich selbst und sein Lebensglück fand, war der sog. “klassische Boden”, eine winckelmannsche glückliche Fügung von Klima, Laxheit und göttlicher Kunst.

Golo Maurer

Die Etablierung des Goethe-Mythos schon zu Lebzeiten und die Legende seines italienischen Schlüsselerlebnisses wirkten sich sofort beispielgebend aus. Goethes persönliche Therapie – so Maurer – wurde verallgemeinert, daraus wurde ein anwendbares Schema. Der Geheimrat, moderner Repräsentant des verwalteten Lebens, wird zur Identifikationsfigur für ein nicht selten depressives Bürgertum. Der Entfremdung in Deutschland bot das Muster seiner Klassikervita eine Kompensation an.

Golo Maurer zeigt uns aber auch weitere Wege, die nach Rom führen – wohin sonst? In der Restaurationszeit ist das deutsche Vaterland ein streng verbotener Traum. So stand das Land, wo die Zitronen blühn und wo man sich selbst findet, als Ersatz zur Verfügung. Deutschland im 19. Jahrhundert: eine Abstraktion oder eben eine Kulturnation. Langsam rückt das deutsche Bildungsbürgertum den Goethekult samt Italienverehrung ins Zentrum seiner “Bildungsreligion” (Aleida Assmann).

Italien wird bald zum deutschen Politikum. In einer entlegenen, erhellenden Schrift, die Golo Maurer wieder entdeckt hat, schreibt Viktor Hehn: Italien “gehörte zu der nationalen Erziehung eines Deutschen”. Maurer weiß jedoch ebenso von der Tradition der Italien-Schelte ausführlich zu berichten, stammt doch das anti-römische Ressentiment schon von einer deutschen nationalen Ikone wie Martin Luther. – Im 19. Jh. ist aber die kollektive italienliebende Vorprägung so tiefgreifend, dass selbst die wenigen Ketzer, die ausdrücklich gegen den Italienkult ihre eigene deutsche Identität behaupten möchten, in die gleiche Falle tappen: Egal ob pro oder contra, der Italien-Diskurs bleibt derselbe, nur das Vorzeichen variiert.

Eine weitere Dimension des Buches ist die der kulturgeschichtlichen longue durée. So wird der politische Rom-Mythos in geschichtsphilosophischen Spekulationen um 1900 als Grundkern des Abendlandes überhaupt angesehen. Gedanken einer Kontinuität von Römischem Reich, traslatio Imperii, Heiligem Römischem Reich, Deutschtum werden mit einem vermeintlich ewigem Humanismus parallelisiert. Von Ernst Robert Curtius stammt das Wort von “Rom als d(er) universale(n) Heimat der Humanität”. Dieser klassische Humanismus unterliegt aber mit seiner vermeintlichen universalen Sendung im 2. Weltkrieg: Kein “Geist von Weimar” hatte den Verbrechen der Nationalsozialisten Widerstand geleistet. Es gelten seitdem völlig andere Paradigmen als die von Goethe. – Aber selbst im Zeitalter einer kleinbürgerlichen Massengesellschaft scheint die deutsche Italienliebe kaum nachgelassen zu haben. Zum Glück.

Giovanni Sampaolo, Ordinarius der Deutschen Sprach- und Übersetzungswissenschaft an der Universität Rom III, ist Goetheforscher und beschäftigt sich mit verschiedenen Bereichen der deutschsprachigen Kultur zwischen dem 18. Jh. und der Gegenwart. Zuletzt erschienen: (Hg.) Quarantadue scrittrici e scrittori dell’Austria di oggi, Rom 2020, 3 Bde.

Titelbild: Georgi Takev, nach J. H. W. Tischbein, Goethe in der römischen Campagna, Museum Casa di Goethe.

Italien lieben, um deutsch zu sein ultima modifica: 2021-12-05T19:39:49+01:00 da GIOVANNI SAMPAOLO

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