7. Oktober 2023 und die Folgen

ELDAD STOBEZKI
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[FRANKFURT AM MAIN]

Wenn ich an das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in den Städten und Kibbutzim am Gazastreifen denke, fällt es mir schwer die richtigen Worte zu finden. Ich bin in Israel geboren, dort aufgewachsen und habe in Tel Aviv studiert. Das Problem Israel und Palästina existiert ja nun schon viele Jahrzehnte und hat natürlich auch Einzug in mein Leben gehalten.

Seit 1979 lebe ich in Frankfurt am Main und bin immer sehr gut informiert über die Lage im Land. Sei es durch die einzige unabhängige Zeitung Haaretz oder Berichte von Verwandten und Freunden.  Für mich ist es wichtig, dass ich den Nachrichten, die mir geschickt werden, vertrauen kann. Neben persönlichen Facebook Freunden wie Schriftsteller und freie Journalisten, ist es die Gruppe „Tikva (Hoffnung)“, die sich dadurch auszeichnet, dass sie landesweit die Samstag-Demonstrationen gegen die Justizreform von Netanjahu und seine ultraorthodoxen Minister Ben Gvir, Smotrich und Levin organisiert hat. Jetzt ist Tikva bemüht eine Bleibe für 130,000 Israelis zu finden, die aus den Grenzgebieten evakuiert wurden. Mittlerweile werden Israelis auch aus dem Norden evakuiert – denn die Hisbollah feuert Raketen aus dem Libanon auf die Städte und Kibbutzim entlang der nördlichen Grenze. Es wird ständig diskutiert, wann und ob eine Bodenoffensive starten soll. Wenn diese Zeilen erscheinen, kann es sein, dass die israelische Armee schon in Gaza eingedrungen ist. 

Es gibt die WhatsApp Gruppe „Defend Israeli Democracy“. Da sehe ich die stille Demonstration, die am 23. Oktober in Florenz stattfand. 15,000 Menschen sind schweigend mit Kerzen durch die Stadt marschiert. Mit dabei waren der Rabbiner der jüdischen und der Imam der moslemischen Gemeinde. Initiiert hat die Demonstration Pfarrer Bernardo Gianni aus der Gemeinde San Miniato. Auch diese Gruppen sind auf den Plattformen der Social Media Gruppen zu finden.

23. Oktober in Florenz. 15,000 Menschen sind schweigend mit Kerzen durch die Stadt marschiert. Mit dabei waren der Rabbiner der jüdischen und der Imam der moslemischen Gemeinde. Initiiert hat die Demonstration Pfarrer Bernardo Gianni aus der Gemeinde San Miniato.

Die große intellektuelle Stimme, die beide Seiten des Konflikts ins Visier nimmt, gehört dem Schriftsteller David Grossman. Nach dem Massaker vom 7. Oktober in Be´eri, Nahal Oz und Kfar Aza schreibt er: “Mein Land steht unter Schock. Ich bin zornig auf unsere Regierung. Aber es gibt eine Rangordnung des Bösen, und keine israelische Tat hält dem Vergleich mit den Massakern der Hamas stand.“ 

Der Publizist, Schriftsteller und Politiker Michel Friedman (Frankfurt am Main) sagte auf der Frankfurter Buchmesse am Freitag auf die Frage wie es ihm gehe (sinngemäß): „Ich werde als Jude/Israeli gefragt – ich bin kein Israeli, und ich antworte als Mensch: „Ich bin traurig, ich bin erschüttert, es geht uns alle an. Wir alle sind als Menschen erschüttert über das Ausmaß des Bösen, über die Unmenschlichkeit der Hamas. Und wir alle trauern als Menschen über die zivilen Opfer – auf Seiten der Israelis und der Palästinenser.“

Michel Friedman

Viele Juden und Israelis ignorieren die Tatsache, dass es auf der palästinischen Seite Opfer gibt, auch dass nur 1,5% der Palästinenser Hamas-Anhänger sind. 

Die israelische Besetzung der West Bank seit 1967 ist eine unerträgliche Situation. Das Leben der dort lebenden Palästinenser wird durch den Siedlungsbau immer mehr eingeengt. Sie bekommen keine Baugenehmigungen, während die Siedlungen immer größer werden. Die Siedler jagen die Palästinenser von ihren Feldern, verbrennen ihre Olivenbäume, erschießen Menschen unter dem Vorwand, dass sie verdächtig aussehen und betonieren ihre Brunnen zu. Dass es irgendwann zu einer Explosion kommt, wundert mich nicht.

Lizzie Doron

Eine andere Stimme, die gerade in Deutschland sehr gehört wird, ist die Stimme der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron. Sie ist die Tochter einer Auschwitz-Überlebenden, hat viele palästinensische Freunde und ihr Bestreben für Verständigung und Frieden ist beachtlich. Sie, sowie alle anderen Israelis, sind immer davon ausgegangen, dass die Armee sie beschützen kann. Kein zweiter Holocaust. „Nie wieder“ war selbstverständlich. Lizzie Doron, die ihr Leben zwischen Tel Aviv und Berlin teilt, sagt, dass sie sich auf ihre Heimat nicht mehr verlassen kann. Sollte nach der nächsten Wahl wieder eine rechts-rechts Regierung gewählt werden, wird sie wahrscheinlich ganz nach Berlin ziehen.

Bei vielen Israelis sind die Traumen des Holocausts wieder erwacht. Das Verlangen nach Rache ist groß. 70% der Israelis sind für eine Bodenoffensive. Aber sie kann nichts erreichen, nur noch mehr Tote.

Durch die falschen Aktivitäten der jetzigen Regierung ist es so weit gekommen, dass es in den Orten an der Grenze zu Gaza kaum noch Armeepräsenz gibt. Die rechte Regierung hatte es nicht als notwendig erachtet, die „linken“ Kibbutzim zu schützen. Natürlich war sich die Regierung sicher, dass die teure Mauer an der Grenze genug Schutz bietet. So wurden die Soldaten in die West Bank verlegt, um Siedlungen zu schützen. Am letzten Tag des Laubhüttenfestes, am 7. Oktober, schützte die Armee orthodoxe Juden, die am Joseph-Grab beteten. Diese Gebete (auch auf dem Tempelberg) sind die reinste Provokation. Damit hatte die Hamas ein „leichtes Spiel“. 

Am 23. Oktober wurden zwei Geiseln freigelassen. Eine Geisel, Yocheved Lifschitz, 85 Jahre alt, sagte zu den Journalisten, dass die Menschen im Süden des Landes alleingelassen worden sind. Der Staat ist nicht mehr in der Lage seine Bürger zu schützen. So geht es auch den Menschen im Norden des Landes. Es mehren sich die Stimmen, auch in der Likud-Partei, dass Netanjahu zurücktreten muss und mit ihm die Minister, die immer mehr Etats für die Orthodoxen Juden bekommen, und dies auf Kosten des Gesundheitswesens, des öffentlichen Verkehrs, die Pflege verarmter Shoa-Überlebender und vor allem der Sicherheit.

Yocheved Lifschitz

Khaled Maschal, ehemaliger Leiter des Politbüros der Organisation Hamas, sagte in einem Interview mit dem britischen Sender Sky News, dass, wenn Israel seine Angriffe in Gaza einstellt, „die vermittelnden Länder wie Katar, Ägypten und andere, in der Lage sein werden, eine Lösung zu finden, die Entführten freizulassen, und wir werden sie in ihre Häuser schicken“. Maschal bestritt in einem Interview, dass seine Organisation ein Massaker an unschuldige Zivilisten geplant habe. Der Interviewer konfrontierte ihn mit dieser Aussage und zeigte ihm ein Bild der Opfer des Massakers in einem der Kibbuzim im Gazastreifen. Maschal behauptete, dass der Interviewer „das israelische Narrativ übernimmt“ und antwortete: „Wenn es zu Tötungen kam, dann war es mit Sicherheit keine Absicht.“

Ihm zufolge sollte die Ausstiegsstrategie aus dem Konflikt zwei Phasen umfassen: die erste, die Beendigung der Bombardierung des Gazastreifens und die Beendigung der „gewaltsamen Vertreibung der Bewohner des Gazastreifens aus dem Norden des Streifens“, und die zweite, „die Öffnung aller Grenzübergänge und Einführung humanitärer Hilfe. „Wenn das passiert und es zu einem Waffenstillstand kommt, kommen wir zu der großen Frage, wo die Wurzel des Problems liegt – und wir werden sagen, dass es die Besetzung ist“, fügte er hinzu. „Israel muss sich aus allen besetzten Gebieten zurückziehen, und dann haben wir ein Zeitfenster und eine echte Chance.“

Durch die vielen Siedlungen in der West Bank ist an einen Rückzug nicht mehr zu denken. Selbstverleugnung ist die herrschende Taktik in Israel. Nach diesem Massaker ist es schwer mit Kritik und Vergleiche mit Holocaust und Nakba zu kommen, aber das bleibt längerfristig nicht aus. 

Gestern (24. Oktober) hat UN-Generalsekretär Guterres im UN-Sicherheitsrat den Angriff der terroristischen Hamas auf Israel verurteilt, aber auch Israel eine Verletzung des Völkerrechts vorgeworfen. Der israelische Außenminister Eli Cohen attackierte Guterres während der Sitzung in New York für seine kritischen Äußerungen zu Israel scharf. Zuvor hatte Guterres den Angriff vom 7. Oktober klar verurteilt, sagte aber auch, die Angriffe der radikalislamischen Palästinenserorganisation seien „nicht im luftleeren Raum erfolgt. Die Palästinenser würden seit 56 Jahren unter erstickender Besatzung leiden.“ Guterres kritisierte die Angriffe und die dadurch ausgelöste humanitäre Katastrophe. Er warnte vor einer kollektiven Bestrafung. Der UN-Botschafter Israels, Gilad Erdan, forderte Guterres zum sofortigen Rücktritt auf.

Der israelische Schriftsteller Moshe Sakal schrieb heute auf Facebook:

Es fällt mir schwer mit der allgemeinen Notwendigkeit dieser Tage zu sympathisieren, die Welt in stumpfe, gerechte Menschen auf der einen Seite und rachsüchtige Untergangspropheten auf der anderen Seite zu spalten.
In der Mitte gibt es viele Menschen, die einfach schweigen und voller Sorge um sich selbst sind, ohne das Bedürfnis zu haben, andere anzuprangern, um auszudrücken, was in ihrer Seele vorgeht. Das sind schreckliche Tage, und jeder Mensch entscheidet, auf seine eigene Art und nach seinem Temperament wie er damit umgeht. Auch dies sollte nicht beurteilt werden. 

Und noch etwas: Es gehen so viele Menschen auf die Straße und demonstrieren lautstark gegen Israel. Darunter sind sehr viele junge Menschen. Sie lassen Hasssprüche los. Die Rechtsradikalen bekommen Oberwasser, es werden Bombendrohungen verschickt, jüdische Eltern in Deutschland haben Angst ihre Kinder in die Schulen zu schicken, Mitglieder von Jüdischen Sporteinrichtungen sollen keine Trainingsjacken tragen, auf denen der Davidstern zu sehen ist. Ich frage mich, ob die Menschen nie etwas von der Vernichtung der 6 Millionen Juden gehört haben. Werden die jungen Menschen in den Schulen nicht informiert? Ist das der Beginn einer neuen Judenverschwörung? Gott sei Dank, leben wir in einer Demokratie und haben das Demonstrationsrecht. Ja, Demonstrationen sind gut, die Fakten müssen stimmen.

Fazit:

Wer auf dem letzten Stand dieses Konflikts sein möchte, muss ständig die Berichte in der Presse und im Fernsehen verfolgen. Es lohnt sich auch in den Social Medien nachzuschauen. Es gibt dort viele Informationen, die nicht in die offiziellen Kanäle kommen. Leider sind viele Nachrichten Fake News. Und darauf ist besonders zu achten.

In absehbarer Zeit sehe ich keine Hoffnung. Israel wird auf Vergeltung bestehen, die Hamas wird nicht ausgelöscht sein, das ist nicht machbar. Ein Leben ohne Krieg in der Region wird es so schnell nicht geben, weder für die Israelis noch für die Palästinenser.

25.10.2023

7. Oktober 2023 und die Folgen ultima modifica: 2023-10-28T18:43:22+02:00 da ELDAD STOBEZKI
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