“Es darf nie wieder geschehen”. Claudia Roth im Ghetto von Venedig

Die deutsche Staatsministerin für Kultur und Medien bei einem offiziellen Besuch im Viertel des alten Ghettos. Bei dieser Gelegenheit legte sie am Holocaust-Mahnmal von Arbit Blatas einen Kranz zum Gedenken an die Opfer des Naziregimes nieder.
YTALI
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Die deutsche Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, stattete am 10. Januar 2024 dem alten Ghetto von Venedig einen offiziellen Besuch ab. Sie betrat mehrere Synagogen und machte vor einigen Stolpersteinen Halt. Empfangen wurde sie von dem Leiter der lokalen Jüdischen Gemeinde Dario Calimani, dem Oberrabbiner Alberto Sermoneta und dem Vizepräsident der Gemeinde Paolo Navarro Dina sowie von weiteren Ratsmitgliedern. Bei dieser Gelegenheit legte Roth einen Gedenkkranz für die Opfer des Naziregimes am Holocaust-Mahnmal von Arbit Blatas auf dem Campo del Ghetto Nuovo nieder.

Dies ist das erste Mal, dass ein hoher Regierungsvertreter der Bundesrepublik Deutschland dem Ghetto einen offiziellen Besuch abstattet.

Wir bieten im Folgenden die Ansprachen von Prof. Calimani, Rav Sermoneta und der Ministerin Roth im Originalton (auf AUDIO klicken), ferner die Abschrift der Rede der Vertreterin der deutschen Regierung.

Ytali dankt bei dieser Gelegenheit dem Deutschen Studienzentrum in Venedig (Centro Tedesco di Studi Veneziani), das eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung und Durchführung des Besuchs gespielt hat, und insbesondere Frau Dr. Petra Schaefer für ihre wertvolle Mitarbeit bei der Realisierung unseres Berichts. Unser Dank gilt auch Dr. Natascia Gudenzi, der Dolmetscherin der hier veröffentlichten Reden.

Dario Calimani, rechts im Bild, mit Alberto Sermoneta und Claudia Roth

Die Rede [AUDIO] des Leiters der Jüdischen Gemeinde von Venedig, Prof. Dario Calimani.

Oberrabbiner Alberto Sermoneta (links im Bild) in Begleitung von Ministerin Roth am Eingang des Campo del Ghetto. Rechts Dario Calimani

Die Rede [AUDIO] des Oberrabbiners der Jüdischen Gemeinde von Venedig, Rav Alberto Sermoneta

Ministerin Claudia Roth

Die Rede [AUDIO] von Staatsministerin Claudia Roth, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Rede von Kulturstaatsministerin Claudia Roth im Jüdischen Ghetto in Venedig. Transkription

„Ich bin heute hier bei Ihnen in Venedig an einem Ort mit einer langen, langen, langen, jahrhundertealten Geschichte, aber auch mit einer Geschichte, die verknüpft ist mit den Verbrechen, die Nationalsozialisten begangen haben an Jüdinnen und Juden in Italien.

Und ich bedanke mich von ganzem Herzen bei den Vertretern der Jüdischen Gemeinde in Venedig dafür, mit offenen Armen begrüßt zu werden, mit offenen Armen empfangen zu werden, obwohl es diese Geschichte und diese Verbrechen von Deutschen an den Jüdinnen und Juden hier in Venedig, hier in Italien, in Europa, in der Welt gegeben hat.

Und wenn ich hier bin, dann ist es ein Erinnern, es ist ein Erinnern nicht, um sich in der Vergangenheit einzumauern, sondern ein Erinnern in die Zukunft, damit das Nie wieder ein tatsächliches Nie wieder ist. Nie wieder Antisemitismus. Nie wieder Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt und Mord an Menschen, weil sie Juden oder Jüdinnen sind. Nie wieder ist heute vielleicht wichtiger, als in den vergangenen Jahren und deswegen ist das Erinnern eine wichtige Aufgabe gegen all die, die unsere Geschichte relativieren wollen, entsorgen wollen, die von einem Schlussstrich sprechen. Es gibt keinen Schlussstrich, wenn es darum geht, zu erinnern an das größte Menschheitsverbrechen, den Holocaust, die Shoah.

Es gibt Menschen, die sagen ‚aber das ist doch schon so lange her, damit habe ich doch gar nichts mit zu tun‘. Ich bin meinem Vater seligen Angedenkens sehr, sehr dankbar. Mein Vater hat mir erklärt und hat mir vermittelt, dass auch die Verbrechen im Nationalsozialismus, die von Deutschen begangen wurden, Teil meiner Biographie als Deutsche sind. Ich kann mich nicht davon verabschieden, ich kann nicht sagen, damit habe ich nichts zu tun, sondern es ist Teil meiner Biographie als Deutsche. Und aus dieser Biographie, aus diesem Teil des Menschseins auch meiner Geschichte, die nicht erst 1955 mit meiner Geburt beginnt, entspringt Verantwortung. Verantwortung für das Heute und das Morgen.

Ministerin Claudia Roth betrachtet die Stolpersteine auf dem Campo del Ghetto.

Und ich bin ziemlich stolz, hier nicht allein zu sein als Deutsche, sondern, dass hier junge Leute sind aus Koblenz, aus Berlin, aus Dortmund, ein wichtiger Ort, da spielt Italien bei der Europameisterschaft Fußball gegen Albanien, leichter Gegner, und ich bin sehr froh, dass diese jungen Menschen genau diese Verantwortung mittragen und zeigen, dass dieses Deutschland aus seiner Geschichte lernt und nie aufhört zu lernen und diese Verantwortung als Teil unseres Seins und als Teil unserer Gegenwart und unserer Zukunft versteht in Zeiten, wo es bei uns ein Anwachsen von Antisemitismus gibt, in Zeiten, wo Jüdinnen und Juden sich bei uns nicht sicher fühlen, wo sie sich allein gelassen fühlen und auch da haben wir sehr viel zu tun, um ihnen gerecht zu werden und auf sie zuzugehen und zu sagen Ihr seid Teil unserer Gesellschaft, Ihr gehört dazu, Ihr seid nicht allein und es ist unsere Aufgabe, es ist meine Aufgabe, als Nichtjüdin jeder Form von Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit entgegenzutreten.

Und lassen Sie mich zum Ende noch sagen, dass der 7. Oktober 2023 ein brutaler Einschnitt war, eine bestialische Gewalt, die Menschen, Kinder, Frauen, Männern, Jungen, Alten, Festivalbesuchern, die für den Frieden, für die Freiheit, für ihre Freiheit gefeiert haben, die Opfer dieses bestialischen Terrors geworden sind. Und seien Sie versichert, dass der tiefe Schmerz und die Trauer um die Opfer, um die Verletzten, und die Sorge um die Geiseln, die immer noch in Geiselhaft sind, von uns zutiefst mitgetragen wird. Vielen Dank, dass ich heute bei Ihnen sein darf.“

Alle Fotos: Marta Buso / Deutsches Studienzentrum in Venedig / BKM

Übersetzt von Tanja Schultz

A cura di Sandra Paoli

“Es darf nie wieder geschehen”. Claudia Roth im Ghetto von Venedig ultima modifica: 2024-01-17T20:35:48+01:00 da YTALI
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