Purpur und Blutrot 

GERD CONRADT
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[BERLIN]

Krieg und Frieden, Mann und Frau, Alt und Jung. Das UND als Brücke, als Mauer. Als Bund und Bindung. Zweiheit als Einheit. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Sein und Zeit – Heidegger, Liebhaber von Hannah Arendt, nationalsozialistischer Denker, Wanderer, Heimkehrer – ins UND?

Warum dieses Vorspiel? Dokumentarfilmregisseur, mein Beruf als Berufung. Ich weiß nicht, ich suche, ich finde, montiere Bilder zu Worten. Bin kein Buchstabendenker, sondern einer, der auf Eingebung wartet. Sinnstrahlen, die aus dem Kosmos von Tag und Nacht kommen? Coniunctio, ich bin einer, der zusammenführt, sich binden will, sich gerne paart. Bei dem Worte von der Zunge aufs Papier, via Tastatur ins MacBook fließen. Schreiben als Genuss. Ich und Du. Romeo und Julia. Dazu und oder plus?

Im September 2024 wird ein neuer Landtag in Thüringen gewählt. Es wird befürchtet, die rechtsnationale Partei AfD könnte zur stärksten Fraktion werden und den Ministerpräsidenten stellen – Björn Höcke. Ein Politiker der Neuen Rechten.

Der ein Bündnis ultranationalistischer Gruppen für ein ethnisch homogenisiertes Deutschland und Europa anstrebt. Sozialwisschenschaftler und Historiker stellen in Höckes Äußerungen Faschismus, Rassismus, Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus sowie Ideen und Sprache des Nationalsozialismus fest. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft Höcke als Rechtsextremisten ein und überwacht ihn seit Anfang 2020.(Wikipedia)

Thüringen ist die Heimat meines Vaters, dort bin ich aufgewachsen. Nach dem 2. Weltkrieg gehörte dieses in der Mitte Deutschlands gelegene Land zur sowjetischen Besatzungszone, später DDR genannt. Dem Aufbau des Sozialismus stand ich als Junger Pionier positiv gegenüber. Meine Eltern, eben der Diktatur des Nationalsozialismus entkommen, sahen in der neuen Diktatur des Proletariats nicht die von ihnen gewünschte Lebensform. Schutz und Erfüllung bot ihnen die protestantische Kirche mit der Musik von Johann Sebastian Bach, dem Thüringer Urgestein. Bourgeoisie und Proletariat. Das UND als Kriegserklärung. Mein Vater war studierter Landwirt, Kartoffelspezialist, meine Mutter Hausfrau, nach Karl Marx Kleinbürger, petits bourgeois, die umerzogen werden mussten. An Nachmittagen lernte unsere Mutter Russisch, um ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen zu können. Ewige Freundschaft zur ruhmreichen Sowjetunion gehörte zur „Staatsräson“.

Mit fünfzehn Jahren floh ich aus dem Arbeiter- und Bauernparadies auf die Insel Westberlin, Schaufenster des freien Westens. Fortan lebte ich in einem protestantischen Internat, das sich in einer herrschaftlichen Villa im Stadteil Schlachtensee befand. Wohngegend 1. Für uns Schüler aus dem Osten wurden Ostklassen eingerichtet, Ernst Thälmann war hier kein Held der Arbeiterklasse. Kaiser, Könige, Fürsten, Feldherren – wurden im Geschichtsunterricht unsere neuen Vorbilder. Schon in den ersten Tagen auf dem Gottfried-Keller-Gymnasium wurde klar, dass sich ein noch unerkannter Legastheniker in die selbständige politische Einheit West-Berlin geflüchtet hatte. Nach einem kurzen Martyrium als Gymnasiast entdeckte mein Fürsorger auf dem Jugendamt mein Talent fürs Optische. Nach einer Lehre als Fotograf, einigen Studienreisen, einem Jahr in Rom – wurde ich 1966 Studierender an der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie, dffb. Als einer von fünfunddreißig, auserwählt aus 800 Bewerberinnen und Bewerbern, fühlte ich den Heiligenschein über meinem Haupt kreisen. Santa Lucia nannte ich meinen ersten Film und widmete ihn der Schutzheiligen des Augenlichts.

Großbreitenbach

Zurück nach Thüringen. Nach der Wiedervereinigung drehte ich 1990 – vom Tag des Geldumtausches bis zu den ersten gemeinsamen freien Wahlen – in meiner väterlichen Heimat zusammen mit dem Kameramann und Freund Hans Rombach einen modernen Heimatfilm: Blaubeerwald. Eine Auftragsarbeit des Privatsenders TV-Asahi, Tokyo. Die Premiere erlebte ich in Japan. Würde- und geheimnisvoller konnte es nicht sein. Die Japaner blickten staunend auf ein Land in Auflösung, wo z.B. der Mann meiner Cousine mit einem vierzig Jahre alten LKW das an den Straßen in Kisten abgestellte Altglas einsammelte, ein Recycling-System, das ich bereits als Junger Pionier erlebt hatte.

Siebenundreißig Jahre später, 2017, fuhr ich wieder in die nun fest in das vereinte Deutschland integrierte alte Heimat. Nicht nur weil einige meiner Cousins und Cousinen bereits gestorben waren, fühlte sich für mich das Leben der Menschen im Grünen Herzen Deutschlands fremd an. Zusammen mit einem jungen Team der Firma blende 39 aus Magdeburg wurde ein neues Medienprojekt gestartet: Grossbreitenbach 100%. Unseren Förderern, besonders der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM) aus Leipzig, versprachen wir, mit unserem Einsatz würden wir es schaffen, die Großbreitenbacher*innen zu 100% an die Wahlurnen zu locken. Unsere 12 Filme á 8 Minuten sendeten wir jeweils dienstags und freitags um 20 Uhr via Youtube in die Welt. Die Wahlbeteiligung lag bei 65%. 37% gaben ihre Stimme der AfD.

2024 darf wieder gewählt werden. Wahlberechtigte drücken in einem Wahlsystem ihren Willen aus, wer von den zur Wahl stehenden Kandidaten ihre Interessen im Thüringer Landtag vertreten soll. Auf diesem Vorgang basiert unsere repräsentative Demokratie.

Alle demokratischen Parteien warnen vor einem Rechtsruck. Wie konnte es dazu kommen in einem Bundesland, in dem seit zehn Jahren eine Koalition regiert, die von der Partei Die Linke angeführt wird? Ganz offensichtlich hat diese Koalition versagt. Es kommt noch schlimmer. Die sich als demokratisch verstehenden Parteien haben eine Brandmauer errichtet, die besagt, keine Koalition mit der AfD. Da die CDU zusätzlich eine Brandmauer gegenüber der Linken errichtet hat, könnte Thüringen unregierbar werden. Wirklichkeit und Fiktion.

Und wie sieht das Leben meiner Restfamilie in Großbreitenbach aus? Ihr Alltag, den wir als Wirklichkeit bezeichnen, steht in Konkurrenz zu den neuen Medien. Regiert von digitalen Konzernen, den mächtigsten Kartellen der Geschichte, leben sie zunehmend anonym, körperlos in einer Digitalmoderne. – Nach dem vom Dichter Bertolt Brecht formulierten Motto: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral?

Oft falsch verstanden, meint Brecht jedoch, erst mit einem gefüllten Magen kann über Moral nachgedacht werden. Allerdings sind die Mägen der meisten Thüringer gut gefüllt. Daran kann es also nicht liegen, dass Moral keine Handelsware mehr ist.

Die inmitten wilder Wälder bei rauem Klima meist in den mit grauem Schiefer verkleideten Häusern ihrer Ahnen leben, sich von unzähligen TV-Sendern auf Kinoleiwand großen Bildschirmen unterhalten und informieren lassen, verfallen in Kaufräusche, enthemmt bestellen sie im Weltkaufhaus amazon und schicken zurück ohne Sinn und Verstand.

Ein glückliches Sozialleben in Großbreitenbach ist vom Aussterben bedroht. Es gibt keine Ortsvereine der Parteien mehr, die Stelle des Pfarrers ist unbesetzt, der Kirchenchor hat keinen Leiter mehr. Tradition trifft auf Moderne. Drei Packstationen sind in den letzten Jahren im Ort entstanden.

Was tun? Was macht Sinn und hat Form?

Unser neues Projekt trägt den Namen: KI – 47. Das Durchschnittsalter der Menschen in Thüringen beträgt 47 Jahre. Wir wollen mit den Werkzeugen der Künstlichen Intelligenz arbeiten. Nicht weil sie in Mode sind, sondern bereits unerlässliche Helfer bei der Gestaltung des Lebens der Menschheit.

Unser Experimentieren und Nachdenken hat zu einem ersten Ergebnis geführt – vielleicht zu dem, das uns retten könnte. Aus der Prognose für die Landtagswahlen 2024 haben wir aus den Farben der im Landtag prozentual vertretenen Parteien, schwarz-blau-rot-rot-gelb-grün, von der KI eine Mischfarbe errechnen lassen: 4F283b – Purpurrot.

Tiefgründig, elegant, verheißungsvoll, religiös ist es in meinen Augen die perfekte Farbe für Thüringen, für das Land von Luther, Bach, Goethe, Schiller. Allerdings darf bei dieser Aufzählung nicht vergessen werden, dass Thüringen nach den 1929 von den Nationalsozialisten gewonnen Wahlen zum Mustergau wurde. Vieles von dem, was nach der Machtergreifung 1933 in ganz Deutschland geschah, wurde zuvor in Thüringen erdacht und erprobt. Bereits 1925 wurde das Bauhaus verboten, 1937 das KZ Buchenwald eröffnet ,auf dessen Einganstor Jedem das Seine stand. Spiegelverkehrt, so dass es nur von den Eingeschlossenen gelesen werden konnte.

Einer, der sich mit der Darstellbarkeit des Holocaust intensiv befasst hat, ist der deutsche Maler Gerhard Richter. Einige der Bilder, die er über das Lager Auschwitz-Birkenau geschaffen hat, sind derzeit in der Ausstellung 100 Werke für Berlin als Dauerleihgabe in der Neuen Nationalgalerie zu sehen.

Gerhard Richter, Hirsh, 1963, The Met, NYC

Gerhard Richter, auf der Rankingliste der weltweit gefragtesten Künstler der Gegenwart auf Platz 1, lernte ich 1965 in Rom kennen. In der Galleria Tartaruga in der Via del Babbuino hatte er seine erste Ausstellung in Italien. Gemeinsam mit meiner damaligen Frau Lena durchstreiften wir Rom, tanzten im Piper Club La dolce Vita. Sein Bild Hirsch kostete 3.500 DM. Ich hätte es gerne gekauft und überlegte, Galerist zu werden, so begeistert war ich von seinen Gemälden und Zeichnungen. Richter signierte mir ein Fotomaton-Bild auf der Rückseite, auf der Vorderseite war es leer. Ein Bild der Zukunft, sagte ich zu ihm. Jahre später malte er graue, leere Bilder.

Fotomatonbild mit Richter-Signatur

In der Ausstellung 100 Bilder hängt auch ein Spiegel. Ein Ready-made? Als ich mich im Spiegel fotografierte, entdeckte ich im Hintergrund ein Bild, das ich übersehen hatte und das mich jetzt magisch anzog. Ein fast quadratisches Bild mit dem Titel: Spiegel, blutrot, 1991, farbig beschichtetes Glas.

Sein Rot ist wie unser Rot, das aus dem Experiment mit der Farbmischung der im Thüringer Landtag vertretenen Parteien entstanden ist.

Gerd in der Ausstellung 100 Bilder

Eine zufällige Entdeckung? Eine Fügung? Eine Ermunterung? Das von uns geschaffene Bild als Zeichen zu sehen, mit dem wir in den Wahlkampf ziehen sollten? Menschen in Thüringen mit unserem purpurroten Bild konfrontieren und fragen: Wie sehen Sie die Zukunft Thüringens? Stellen wir uns mit dem Bild auf die Stufen des Erfurter Doms, so wie Greta Thunberg es vor ihrer Schule getan hat? Aus ihrem Aufruf: Schulstreik für das Klima wurde die globale Bewegung Fridays for Future.

Vielfalt und Freiheit und Einheit und Demokratie – das alles (und noch viel mehr) verspricht jede Partei, die im Landtag von Thüringen vertreten ist. Auch die AfD, sonst wäre sie keine zu demokratischen Wahlen zugelassene Partei.

Statt 95 Thesen – ein Bild annageln? Vielleicht an die Tore der Wartburg? In allen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen geht es um Macht und Geld und Eigentum.

Luthers Thesen wendeten sich gegen den in der katholischen Kirche üblichen Handel mit Ablassbriefen. Ein lukratives Geschäftsmodell, mit dessen Geld u.a. der Bau des Petersdom finanziert worden ist.

Krieg und Frieden. Eine Einheit, die sich ausschließt.

Purpur und Blutrot  ultima modifica: 2024-01-27T19:56:23+01:00 da GERD CONRADT
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