Perfect Show

Das Filmfestival Cannes liebt Wim Wenders und Wim Wenders liebt zurück.
GERD CONRADT
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Wim Wenders hat Erfolg. Er ist weltberühmt. Die Sammlung seiner Preise füllt Regale. Er ist nicht nur Regisseur, Autor, Fotograf, Maler, Produzent – sondern auch Marke. Nach eigenen Angaben hat er 70 Kinofilme und 110 Werbefilme gedreht. 

Für viele Filmemacherinnen und Filmememacher ist es die größte Ehre, einmal im Leben einen Film auf dem prestigeträchtigen Festival in Cannes zeigen zu dürfen. Wim Wenders ist dort Dauergast. 20 seiner Werke fanden in Cannes ihren Weg in die Öffentlichkeit. In diesem Sommer war er gleich mit zwei neuen Filmen an der Cote d’azur vertreten.

Nach der umjubelnden Premiere seines neuen Spielfilms „Perfect Days“ im  Palais des Festivals von Cannes schritt er in der Mitte seiner Filmfamilie genussvoll den roten Teppich ab, um am Ende in den Pulk der dort wartenden Journalist*innen einzutauchen. Das Team extravagant vom japanischen Modekünstler Yohji Yamamoto eingekleidet. Wim Wenders tritt meist zusammen mit seiner Frau Donata auft. Er im langen schwarzen Mantel aus weichem Tuch, eine pikante Schleife um den Hals, seine Frau ganz in Rot.

Was ist ein perfekter Tag? Im neuen Film von Wim Wenders „Perfect Days“ hört ein älterer, gut aussehender Mann den Song von Lou Reed in seinem Auto auf der Fahrt durch Tokio, und zwar  von einer alten Tonbandkassette.


In seinem 1972 veröffentlichten Song besingt der sich meist im schwarzen Lederoutfit in der Öffentlichkeit zeigende Lou Reed einen Tag, dessen Perfektion in beglückender Zweisamkeit besteht. Ein Liebeslied. Als Schlussstrophe ist ein Bibelzitat zu hören: You′re going to reap just what you sow. („Am Ende erntet man, was man sät.“) Vielleicht ist damit das Glück gemeint, das man durch den Konsum von Drogen / Heroin erfährt. Dessen aufputschende Wirkung entzieht am Ende des Tages dem Körper Kraft, was zum Gefühl eines Cold Turkey führt. Wie ein kalter Truthahn fühlt sich der eigene Körper an.

Die Geschichte des Films ist schnell erzählt. Ein älterer Mann, 60 Jahre, reinigt in Tokio, im Stadteil Shibuya, öffentliche Toiletten. Bei diesen Orten der Notdurft handelt es sich um Hightech-Gebilde aus Glas, Holz und weiß gestrichenem Beton. Entworfen von Stararchitekten für die Olympischen Spiele 2020 – die wegen Corona abgesagt werden mussten und ein Jahr später 2021 unter Ausschluss der Öffentlichkeit nachgeholt wurden – fanden diese Toiletten-Tempel in der Weltöffentlichkeit keine Beachtung. 

Die Stadt Tokio wandte sich an den für seine Dokumentar- und Werbefilme weltbekannten Regisseur Wim Wenders, um das nachzuholen, was während der Olympischen Spiele nicht stattgefunden hatte. Doch Wenders sah in diesen Toiletten-Kathedralen mehr Potential und entwickelte für den in Japan sehr beliebten Schauspieler Kōji Yakusho die Rolle des Mannes Hirayama, der routiniert und zuverlässig die öffentlichen Toiletten putzt.

Es wäre kein Film von Wim Wendes, wenn Hirayama nicht ein einsamer Mann wäre, doch Hirayama ist nicht allein. Sein Leben ist Rhythmus. Jeder Tag beginnt mit den immer gleichen Ritualen: Rasieren, Bonsais gießen, nach den Schlüsseln greifen, aus der Tür treten, in den Himmel schauen, am Automaten neben der Haustür einen Coffee-Drink ziehen. Im blauen Overall steigt er in seinen Minitransporter, der sorgfältig sortiert alles enthält, was er für das Ausüben seiner Tätigkeit braucht. Eine Werkstatt auf Rädern.

Er putzt mit Hingabe, strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Im immer wieder Gleichen findet er seine Bestimmung. Dabei ist er wachsam und heiter.

Hirayama spricht kaum und doch ist er nicht stumm. Durch minimale Gesten und das,  was der Regisseur ihn sehen lässt, erfahren wir, wer dieser Mann sein könnte. 

Nach Feierabend besucht er Orte, seit Jahren wohl immer die gleichen: ein öffentliches Bad, seinen Stammimbiss, eine Buchhandlung – verbunden mit kurzen Wortwechseln, Blicken, Informationen, was er isst, was er liest. 

Zwischendurch immer wieder kurz Momente des Innehaltens. Hirayama blickt in Baumkronen und fotografiert mit einem analogen Fotoapparat, was er sieht. Blätter, Zweige, Äste, den in immer wieder neuen Grautönen schimmernden Himmel.

Er bekommt Besuch von seiner Nichte, die im Onkel das sucht, was sie in ihrer Familie nicht bekommt. Er nimmt sie mit auf seine Toilettentouren, lässt sie teihaben an seinem Sein. Als seine Schwester die Tochter, die von zuhause ausgerissen ist, abholt, fragt die Nichte, wann man sich wiedersehen würde. „Jetzt ist jetzt“, sagt der Onkel, „und nächstes Mal ist nächstes Mal.“

Auf Fahrten durch die Stadt hört Hirayama von seinem Kassettenrecorder Musik. Lou Reed „Perfect Days“. Da sind wir in einer Zeit, die durch diese Musik scheinbar zeitlos geworden ist.

Was will Wenders uns erzählen? Wie verbinden sich die Bilder des Films mit den Bildern auf dem Roten Teppich in Cannes?

Ich denke an einen Stummfilm von 1924, der mir nachhaltig in Erinnerung  geblieben ist. In „Der letzte Mann“ von Friedrich Wilhelm Murnau spielt der großartige Emil Jannings einen Hotelportier ⎼ in einer prächtigen Uniform und mit stattlichem Schnurrbart an der Tür des „Hotel Atlantik“ in Berlin. Zu seinen Aufgaben gehört, den Hotelgästen beim Transport ihres Gepäcks behilflich zu sein. 

Als er eines Tages dabei einen Schwächeanfall erleidet, wird er von der Geschäftsleitung zum Toilettenmann degradiert. Der Film zeigt ausführlich, erstmals mit bewegter Kamera, das Leiden dieses Mannes. Ein Mensch auf der untersten Stufe der Gesellschaft, sozial und moralisch.

Die Treppen in dem Mietshaus, in dem wir wohnen, werden einmal pro Woche gereingt. Von einer kleinen Putzkolonne, meist Afrikanern, die als Leiharbeiter im Akkord darüberwischen. 

Im Gegensatz zu Wim Wenders Toilettenmann haben diese wenig Zeit und feudeln mit ihrem Wischmopp gerne mal an den Ecken vorbei. Im Gegensatz dazu hat sich unser Hauptdarsteller Hirayama einen speziellen Spiegel gebaut, um auch die kompliziertesten Stellen an seinem Arbeitsort zu erreichen. 

In Cannes wurde Kōji Yakusho für seine Rolle als Hirayam mit der Goldenen Palme für die beste männliche Hauptrolle ausgezeichnet. Der Film „Perfect Days“ wird von Japan in das Rennen um den Oscar in Hollywood geschickt. 

Ein Oscar fehlt noch in Wim Wenders Preissammlung.

Es bleibt nachzufragen, ob es bei den Dreharbeiten zum Film so entspannt zuging, wie in der Geschichte, die Wim Wenders erzählt.

Was will Wim Wenders uns im schicken Outfit auf dem roten Teppich sagen? Bleib bescheiden, akzeptiere dich so, wie du bist, sei glücklich, lebe dein Leben mit Hingabe – unabhängig davon, auf welcher Stufe du in der gesellschaftlichen Skala stehst? Ob arm oder reich? 

Im Gegensatz zu seinem Toilettenmann greift Wenders nach den Sternen am Himmelszelt des Weltkinos.

Auf dem Festival in Cannes geht es um Geld und Macht. Um Eitelkeiten – Stars steigen auf und stürzen ab. 

„Perfect Days“ wird weltweit gezeigt, es ist kein Blockbuster, aber sicher ein gutes Geschäft – für Wenders und seinen Toilettenmann.

Perfect Show ultima modifica: 2024-02-13T21:12:07+01:00 da GERD CONRADT
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