Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit. Dieser Tag ist zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus geworden. Es sind jetzt 80 Jahre her. Mehr als eine Million Menschen waren allein in Auschwitz zwischen März 1942 und November 1944 in einem beispiellosen Vernichtungswahn ermordet worden. “Auschwitz” steht heute als Synonym für den nationalsozialistischen Rassenwahn. Die Gedenkveranstaltungen in Deutschland finden nicht nur an diesem Tag statt.
Heute, am 18. Januar 2025, höre ich im Radio auf BR-Kultur, dass am 18. Januar 1940 25 Männer aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Haar (München) ins KZ Grafeneck deportiert und dort ermordet wurden. Sie waren die ersten von mehr als 2000 Menschen, die von Haar aus in den kommenden Jahren deportiert und ermordet wurden. Kein Tag vergeht, ohne dass es irgendeinen Gedenktag gibt, der an Gräueltaten im Nationalsozialismus erinnert.
Wir werden uns mit dem Zweiten Weltkrieg noch lange beschäftigen. Es gibt noch andere Erinnerungen an den Wahnsinn. Fast täglich entdeckt man Blindgänger auf Baustellen. Der Bau von Straßen und Häuser wird oft verzögert, weil man auf Baustellen Bomben in der Erde findet. Der Krieg kostete nicht nur das Leben vieler unschuldiger Menschen, es ist bis heute eine emotionale und finanzielle Belastung. Was denken die Menschen, die für viele Stunden evakuiert werden, bis die Bombe entschärft ist und sie zurück in ihre warmen Wohnungen zurückkehren? Was denken die älteren Menschen in einer solchen Situation? Denken die jüngeren Menschen an ihre Großeltern und Urgroßeltern, die nur „Mitläufer“, oder regelrecht Nazis waren? Ich frage mich, wie viele von diesen Menschen werden am 23. Februar 2025 bei der Bundestagswahl trotzdem die AFD wählen? Haben die Menschen nichts aus der Geschichte gelernt?

Seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 im Gaza-Streifen und der Reaktion Israels, gibt es eine große Verwirrung, ob man hier von Genozid sprechen kann oder nicht. Heute, am 16. Janaur 2025, schrieben zwei Historiker, Prof. Blattmann und Prof. Goldberg von der Hebrew University in Jerusalem: „Was in Gaza passiert, ist nicht das, was in Auschwitz passierte, aber es gehört zur gleichen Familie – das Verbrechen eines Genozids.“
Bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz sollte in den Reden die Shoa im Mittelpunkt stehen und nicht die aktuelle Lage in Israel und Gaza. Keinen Bezug auf die Situation im Nahen Osten zu nehmen ist auch falsch. Iris Berben sollte an diesem Tag im Münchner Literaturhaus aus dem Buch „Brief in der Nacht – Gedanken über Israel und Gaza“ von Chaja Polak lesen. Chaja Polak ist eine herausragende Stimme der niederländischen Literatur. Ihr Essay bietet einen humanistischen Blick auf den Konflikt zwischen Israel und Gaza. Sie blickt mit Empathie und tiefem Verständnis für die Opfer auf den Nahostkonflikt, ihre Geschichte und Verästelungen. Ihr Essay widmet sich dem komplexen und emotional aufgeladenen Geschehen und fordert auf, über die Grenzen von Schwarz und Weiß hinauszudenken. Chaja Polak, geboren 1942, ist eine Holocaust-Überlebende. Das Buch hat sie nach dem Überfall der Hamas am 23. Oktober 2023 geschrieben.

Nach Kritik von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wurde die Veranstaltung, obwohl das Münchner NS-Dokumentationszentrum Mitveranstalter ist, um drei Tage vorverlegt.
Schusters Kritik an der Veranstaltung vertritt die Position, dass die Opfer der Shoa und die Kriege in Nahost nicht gegeneinander aufgerechnet werden dürfen. Ich frage mich, ob die NS-Judenverfolgung ein sinnloses Massaker seitens Israels in Gaza rechtfertigt.
Die Stimmen, die Rache und Vergeltung verlangen, sind in Israel sehr laut. Eine Lesung aus dem Buch von Chaja Polak mit dem Aufruf zum Dialog, zur Reflexion und zum Handeln wäre gerade am internationalen Gedenktag angebracht. Polak argumentiert leidenschaftlich für eine Zukunft, in der Empathie und Verständigung die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden bilden.

Ich kann in diesem kurzen Beitrag nicht die gesamte Problematik eruieren. Ich bin kein General oder Professor für Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ich kann nur mit einfachen Worten sagen, dass meine Großeltern aus Deutschland 1933 flüchteten. Sie entschieden sich für Palästina. Viele Verwandte bevorzugten es, in die USA zu flüchten. Für einige Verwandte, die teils flüchteten und teils ermordet worden sind, wurden in Frankfurt am Main Stolpersteine verlegt. Diese Stolpersteine erinnern mich immer wieder daran, dass Juden seit mehr als 1.700 Jahren in Deutschland leben. Nach der Shoa bildeten sich wieder jüdische Gemeinden in Deutschland. Meine Eltern waren 1933 noch Jugendliche. Ich bin 1951 in Israel geboren. Zwischen 1970 und 1973 war ich in der Armee. Als der Yom-Kippur-Krieg am 24. Oktober 1973 ausbrach, wurde ich wieder eingezogen. Ich nahm das damals alles als selbstverständlich an, dass ich für mein Land alles tun werde. Als ich 1982 im Ersten Libanonkrieg eingezogen wurde, war mir nach kurzer Zeit klar, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich bereit bin, für einen sinnlosen Krieg mein Leben zu riskieren. Der Konflikt kann nicht mit Waffen gelöst werden. Zu dieser Erkenntnis müssen alle Beteiligten kommen. Ich lebe schon lange in Deutschland und ich stelle immer wieder fest, wie die Shoa und die Gegenwart miteinander verquickt sind.
A.B. Yehoshua schrieb einmal: „Wir als Opfer des Nazi-Keims sollten die Träger der Antikörper gegen diese schreckliche Krankheit sein, von der jede Nation befallen werden kann. Und als Träger der Antikörper gegen diese Krankheit müssen wir in erster Linie auf uns selbst achten.“
Der Nahe Osten könnte ein Paradies sein, wenn alle Menschen, die dort leben, für den Erhalt der Ökologie, des Weltkulturerbes und des Liberalismus miteinander kooperieren würden.


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